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Artikel:Altruismus

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Altruismus (lat. alter ‚der Andere‘) ist definiert als eine Verhaltensweise, die einem Individuum mehr Kosten als Nutzen einbringt zugunsten eines anderen Individuums.[1] Der Begriff Altruismus (als sein Schöpfer gilt Auguste Comte) ist ein Gegenbegriff zu Egoismus. Altruistische Verhaltensweisen wurden beim Menschen und auch bei Tieren nachgewiesen[1]; eine 2009 publizierte Studie schrieb Altruismus sogar Pflanzen zu[2] und 2010 wurde in der Zeitschrift Nature Altruismus-artiges Verhalten bei Bakterien beschrieben[3]. Altruismus ist nicht zwingend willentlich, moralisch, idealistisch oder normativ begründet, sondern kann auch Bestandteil des angeborenen Verhaltens eines Individuums sein.

Eine weitere, eingeschränktere Interpretation von Altruismus ist die willentliche Verfolgung der Interessen oder des Wohls anderer oder des Gemeinwohls. Altruistisches Handeln wird allgemein auch mit selbstlosem Handeln gleichgesetzt. Dabei bleibt der Aspekt des Ziels der Handlungen, die aus Selbstlosigkeit erfolgen, unberücksichtigt. Die Auffassung als Selbstlosigkeit betont stattdessen die Zurückstellung eigener Anliegen bis hin zur Selbstaufopferung. Die erlebte Aufhebung und Interessenbalance zwischen Egoismus und Altruismus wird oft als Liebe bezeichnet. Neben Selbstlosigkeit ist Uneigennützigkeit ein weiteres Synonym für Altruismus. Die Sozialpsychologie spricht auch von prosozialem Verhalten (siehe unten).

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Arten und Formen des Altruismus

[Bearbeiten] Moralischer und normativer Altruismus

Ein moralischer Altruist handelt prinzipiengeleitet altruistisch. Ein Beispiel für solch ein Prinzip ist der Kategorische Imperativ Immanuel Kants. Verinnerlichte Moral kommt in der Gewissensstimme zum Ausdruck, der zu folgen zu altruistischem Handeln führen kann. Der moralische Altruist ist nicht mit dem Moralapostel zu verwechseln: der predigt mehr, als dass er selbst ein Vorbild eines richtig oder gut Handelnden abgeben würde.

Gerechtigkeit ist einer der höchsten Werte unserer Gesellschaft. Wir handeln oft altruistisch um der Gerechtigkeit willen. Dazu gehört auch der Einsatz für Menschen, die ungerecht behandelt werden oder unter ungerechten Lebensverhältnissen zu leiden haben. Gerechtigkeit ist eine meist verinnerlichte soziale Norm.

Auch wenn wir nicht aufgrund von verinnerlichten Werten altruistisch motiviert sind, handeln wir oft altruistisch, weil dies von uns erwartet wird. Wenn z. B. ein Mensch auf der Straße zusammenbricht, wird erwartet, dass andere zu Hilfe eilen. Welche Motive sie dabei haben, ist zweitrangig. Ein Motiv für den Helfenden kann sein, den Erwartungen der Mitmenschen zu entsprechen, d. h. sich entsprechend einer sozialen oder sogar juristischen Norm („unterlassene Hilfeleistung“) zu verhalten.

Ein Handeln, das über die Befolgung von Pflichten oder Erwartungen hinausgeht, und so gewissermaßen den Titel Altruismus im Sinne von Außerordentlichkeit erst eigentlich verdient, bezeichnet man auch als supererogatorisches Handeln.

Zu unterscheiden ist nur scheinbar gutes, berechnendes Handeln.

[Bearbeiten] Sympathie-Altruismus

Nicht alle Formen der Sympathie setzen Empathie voraus; z. B. weckt Schönheit oft Sympathien; Empathie ist hier nicht erforderlich, da Schönheit offen liegt oder offen zu liegen scheint. Wohlwollen und Mitleid sind jedoch nicht denkbar ohne ein empathisches Vermögen.

Ein ganz wesentlicher Unterschied zwischen moralischem oder normativem Altruismus und Wohlwollen ist, dass Wohlwollen freiwillig ist und nicht in einem Sollen gründet. Handeln nach Prinzipien und Normen führt implizit die Botschaft mit sich, andere sollten auch so handeln. Wohlwollen ist jedoch allenfalls eine Einladung zur Nachfolge. Während im moralischen Altruismus die Tendenz liegt, anderen ihre Eigennützigkeit vorzuhalten, anerkennt der Wohlwollende diese Eigennützigkeit und bedient sie großzügig. Einen Altruisten aus Wohlwollen, dessen Wirkungskreis über den engeren Rahmen von Verwandtschaft, Nachbarschaft, Freundes- und Bekanntenkreis hinausgeht, bezeichnet man auch als Philanthropen (Menschenfreund).

Vom Handeln aus Wohlwollen ist das Handeln aus Mitleid zu unterscheiden. Auch „Arthur Schopenhauer behauptet, daß, wer einmal den Zusammenhang aller Wesen durchschaut habe, des Egoismus unfähig sei, weil er erkannt habe, dass jedes Leid, das er anderen zufüge, ihn selbst treffe; er könne keinen Unterschied mehr zwischen sich und den anderen machen, deren Förderung ja die eigene sei.“ (Georg Simmel)[4]

In einem weniger anspruchsvollen und umfassenden Sinn wird dieses Phänomen in der Sozialpsychologie als „Self-Other-Merging“ bezeichnet. Auch wenn viele Definitionen des Altruismus davon ausgehen, dass Altruismus mit einem Opfer verbunden ist, kann man beim Handeln aus Mitleid nur eingeschränkt von Opfer sprechen, weil durch die Identifikation mit dem Menschen oder auch Tier in Not die Getrenntheit zwischen Ego und Alter aufgehoben ist.

Abgesehen von Wohlwollen und Mitleid erfolgt altruistisches Handeln oft ganz einfach aus Zuneigung oder generalisierter Dankbarkeit dem Leben gegenüber.

[Bearbeiten] Rationaler Altruismus

Will man nicht von vornherein Altruismus als rational nicht fassbare Liebe ansehen, fragt sich, wie es um die Rationalität des Altruismus bestellt ist. Diesbezügliche Untersuchungen beziehen Rationalität meist auf die Konsequenzen, die das altruistische Verhalten oder Handeln für den Handelnden selbst, oder für das Gemeinwohl hat. Rationalität kann sich auch auf das Verhältnis beziehen, auf einen Ausgleich zwischen Eigeninteressen und denen anderer.

Es gibt allerdings auch andere Auffassungen von Rationalität, die diese auf objektive Gründe beziehen, wobei das dann meist als moralisch oder ethisch aufgefasste Handeln nicht auf eine individuelle Interessenverfolgung bezogen wird, sondern seine Rationalität in dem Wert hat, dem das Handeln nach Prinzipien, Werten oder Normen objektiv zukommt. Die Rationalität liegt dann in dem Wert des Handelns selbst, etwa als tugendhaft, ohne Berücksichtigung der Konsequenzen.

[Bearbeiten] Klugheitsaltruismus

Eine Lebensweisheit ist, dass Egoisten gut beraten sind, Altruisten zu sein oder als solche zu erscheinen, weil sie dadurch den größten Profit machen. Aber wie steht es objektiv damit?

Einen anspruchsvollen Versuch, moralische Intuitionen des richtigen und guten Handelns als rational begründet im Eigeninteresse (prudentielle [von lat. prudentia ‚Klugheit‘] intrinsische Wünschbarkeit) des Handelnden auszuweisen unter Berücksichtigung der subtilsten psychischen Phänomene legte der Philosoph Christoph Lumer vor.[5]

[Bearbeiten] Reziproker Tausch

Die Rationalität des reziproken Tausches ist offensichtlich. Obwohl das Handeln sich meist an der Reziprozitätsnorm (Gerechtigkeit, Fairness) orientiert, und nicht eine genaue Verrechnung von Leistung und Gegenleistung vorgenommen wird, geht es darum, die Ausnutzung von Altruisten durch Egoisten zu verhindern, damit die Tauschprozesse fortgesetzt werden können. Reziprozität ist ein Mittel, Ausnutzung zu unterbinden.

[Bearbeiten] Generalisierter Tausch

Generalisierte Tauschsysteme sind dadurch charakterisiert, dass sie auf einseitigen Leistungen ohne direkte Gegenleistung beruhen. Sie können offen (jeder kann als Leistungsempfänger teilnehmen) oder geschlossen sein (Teilnehmer, die nicht selbst auch Leistungen erbringen, werden nicht akzeptiert). Ein Beispiel für einen offenen generalisierten Tausch sind die Hilfsleistungen im Straßenverkehr. Jeder kann z. B. einen Passanten um Auskunft nach einem Weg bitten. Die Auskunft wird als einseitige Leistung erbracht. Die Rationalität des generalisierten Tausches besteht darin, dass jeder, der der Hilfe bedarf, sie erhält, und darauf vertrauen kann.

[Bearbeiten] Rationale Abwägung zwischen Selbstinteressen und den Interessen anderer

Ein Modell solcher Abwägung hat der Vertreter der Theorie der rationalen Entscheidung Howard Margolis vorgelegt.[6]

Das Modell geht davon aus, dass neben egoistischen Präferenzen (Interessen, Motiven) altruistische Präferenzen bestehen. Die Herkunft solcher altruistischer Präferenzen ist nicht Gegenstand der Untersuchung[7], sondern die Frage ist, wie es um die Rationalität des Verhältnisses zwischen der Verfolgung eigener Interessen und der anderer bestellt ist.

Gegeben eine Gewichtung, die bei jedem Menschen verschieden ist, wird eine Ressource, z. B. ein Geldbetrag, oder Zeit, so eingesetzt, dass der größte marginale Nutzen entsteht, entweder für die eigenen Interessen, oder für die anderer. Je mehr ich mit meinem Geld meine eigenen Interessen bediene, desto geringer ist der marginale Nutzen einer weiteren Geldeinheit für mich. Je mehr Geld ich andererseits schon altruistisch, etwa als Spende, gegeben habe, desto geringer ist der subjektive marginale Nutzen einer weiteren Geldeinheit für die Allgemeinheit. Das Gleichgewicht ist dort, wo der egoistische und der altruistische Nutzen einer weiteren Geldeinheit den gleichen Wert haben.

Andere RC-Modelle (von rational choice, Theorie der rationalen Entscheidung) versuchen, sofern sie nicht von vornherein Altruismus als irrational oder arational ausschließen, und damit Altruismus als durch das Modell nicht fassbar ansehen, Egoismus und Altruismus in eine einzige egozentrische Nutzenfunktion zu integrieren. Ein generelles Problem aller RC-Modelle ist es, Altruismus als anerkanntes Phänomen so im Modell abzubilden, dass das nicht einer Eliminierung des Altruismus gleichkommt. Ein Vorwurf an bestimmte Varianten von RC-Theorien ist häufig, sie würden Altruismus wegerklären[8], indem sie ihn auf Egoismus reduzieren. Altruismus wird dann als Klugheitsaltruismus verstanden.

[Bearbeiten] Pareto-Altruismus

Das Pareto-Kriterium führte Vilfredo Pareto in die Ökonomie ein. Es besagt: Ein Zustand ist einem anderen vorzuziehen, wenn durch eine Veränderung der Verteilung der Güter oder der Produktionsfaktoren mindestens ein Konsument besser gestellt und kein anderer Konsument schlechter gestellt wird.

Entsprechend diesem Kriterium sind altruistische Handlungen möglich, die mit keinem Opfer verbunden sind. Ein Beispiel: Mein Besuch bittet mich, ihn noch zur Bushaltestelle zu begleiten. Da ich ohnehin noch einen Spaziergang später am Abend machen wollte, willige ich ein, denn das Vorziehen des Spaziergangs macht für mich keinen Unterschied. Solche Handlungen sind im Alltag recht häufig, obwohl sie als altruistisch meist nicht weiter auffallen. Umgekehrt ist es genauso möglich, egoistische Interessen so zu verfolgen, dass anderen oder der Allgemeinheit dadurch kein Schaden entsteht. Diese Rücksichtnahme ist gleichfalls sehr häufig und kann unter das altruistische Handeln gerechnet werden.

[Bearbeiten] Utilitarismus

Vergleiche hierzu den Artikel über den Utilitarismus als Ethik. Ein altruistisches Handeln, das auf die Verbesserung (Maximierung) des Gesamtwohls der Menschheit (oder partikularen Einheiten von ihr), eventuell auch unter Einbezug anderer Lebewesen, zielt, kann nur eingeschränkt als rational bezeichnet werden, da eine vollständige Kalkulation der Handlungsfolgen nicht möglich ist. Im kleineren überschaubaren Rahmen ist dies jedoch manchmal möglich und wird auch versucht. Utilitaristisches Handeln ist der Intention nach rational, ohne dass es möglich wäre, eine konkrete Handlung als rational im Hinblick auf die Maximierung des Wohls oder Glücks der Begünstigten auszuweisen.

Ein Beispiel soll das Grundprinzip der utilitaristischen Rationalität erläutern. Nehmen wir an, ich habe einen Geldbetrag übrig und möchte ihn nach Afrika spenden. Ich kann mich dann erkundigen, wie die verschiedenen Hilfsorganisationen ihre Gelder verwenden und wie die Qualität ihrer Arbeit ist. Ich spende dann an diejenige Hilfsorganisation, von der ich glaube, dass sie die Spende am effektivsten einsetzt, und daher meine Spende den größtmöglichen „Glücks“-Effekt hat.

Ein vollständiges utilitaristisches Kalkül würde auch die eigenen Interessen mit einbeziehen, also im obigen Beispiel auch berücksichtigen, ob das Gesamtwohl der Menschheit nicht noch eine größere Förderung erhielte, wenn etwa der Betrag der Spende verringert wird, und mit dem übrigen Betrag Eigeninteressen verfolgt werden. Ein solches Kalkül gerät typisch in schwere Schlagseite, weil Menschen dabei einem Bias zu Gunsten ihrer eigenen Interessen erliegen.

[Bearbeiten] Selbstverwirklichungs-Altruismus

Individualismus und Selbstverwirklichung schließen Altruismus nicht aus. Die altruistische Einstellung und entsprechendes Handeln kann wesentlicher Bestandteil des Selbstverwirklichungsstrebens sein. Altruismus ist dann Ausdruck des Selbst, das sich mit anderen Menschen verbunden weiß. Individualistischer Altruismus ist freiwillig, als Ausdruck, Bestätigung oder Gestaltung des Selbst gewollt, ohne Nötigung durch soziale und moralische Normen.

Das kann zum Beispiel dann gegeben sein, wenn sich ein Mensch ehrenamtlich für karitative Zwecke engagiert oder in einer Hilfsorganisation wie der Freiwilligen Feuerwehr unentgeltlich seinen Mitmenschen hilft, selbst wenn er dafür um zwei Uhr Nachts aus dem Bett muss, um einen Brand zu bekämpfen.

[Bearbeiten] Die Erforschung des Altruismus in Philosophie und Wissenschaft

Altruismus ist unter anderem Forschungsgegenstand der Verhaltensbiologie (speziell der Soziobiologie), der Sozialpsychologie, der Philosophie und zunehmend auch der Wirtschaftswissenschaften.

[Bearbeiten] Philosophische Ethik, Moral- und Sozialphilosophie

Unterscheidung zwischen ethischem und moralischem Handeln

Die Unterscheidung zwischen Ethik und Moral oder Moralphilosophie ist umstritten. Für das Thema Altruismus scheint es sinnvoll, folgende Differenzierung zu machen. Das ethische Handeln ist bewusst um seine Qualität als gut oder richtig besorgt, jedenfalls solange es noch nicht in Gewohnheitshandeln oder Handeln nach gewonnenen Überzeugungen übergegangen ist. So ist etwa das Handeln für das Wohl von Tieren meist von ethischem Charakter. Die moralische Komponente hingegen fehlt typischerweise, denn diese beruht auf dem Geltungscharakter der Güte oder Richtigkeit von Handlungen. Vegetarismus aber z. B. hat jedenfalls in unserer Kultur diesen Geltungscharakter nicht. Mit dem ethischen Handeln kann jedoch ein Geltungsanspruch verbunden sein. Das moralische Handeln hingegen beruht ganz wesentlich auf solcher Geltung des Guten oder Richtigen. So gibt es eine ganz selbstverständliche Zuwendung der älteren Generationen zu den Kindern im Allgemeinen. Ein entsprechendes Handeln muss nicht erst noch ethisch qualifiziert sein. (Ein erwachsener Mensch braucht nicht darüber nachzudenken, ob es richtig oder gut ist, ein Kind, das Angst hat, über die Straße zu gehen, an die Hand zu nehmen.) Moralische Geltung enthält das Potential, in Rechtsgesetze überzugehen. Dies ist z. B. bei den Tierschutzgesetzen der Fall: ein ursprünglich ethisches Verhalten gegenüber Tieren erlangte allgemeine Geltung, und hat inzwischen moralischen Charakter.

Altruismus als Gegenstand philosophischer Ethiken

Im Folgenden werden einige der wichtigsten Ethiken kurz vorgestellt, soweit sie Altruismus (oft nicht unter Verwendung dieses Wortes) zum Gegenstand haben. Wenn zwar die meisten Ethiker und Ethikerinnen im allgemeinen Altruismus für „besser“ halten als Egoismus, so darf doch nicht übersehen werden, dass es auch Ethiken gibt, die den Egoismus vertreten. Der wohl bekannteste Vertreter eines ethischen Egoismus ist Nietzsche. Als ein weiteres Beispiel sei der Objektivismus der Philosophin Ayn Rand genannt. Der ethische Egoismus ist nicht zu verwechseln mit Bemühungen, den Notwendigkeiten des Selbsterhalt, einem „wohlverstandenen“ oder „berechtigten“ Eigeninteresse, einem gewissen „gesunden“ Egoismus Gewicht zu geben, um überzogene altruistische Neigungen, (An-)Forderungen oder (Selbst-)Ansprüche (z. B. Helfersyndrom), zu kompensieren.

[Bearbeiten] Evolutionsbiologie und Neurowissenschaft

Die Biene – ein Symbol für Altruismus

In der Evolutionsbiologie wird mit dem Begriff Altruismus oder Uneigennützigkeit zunächst kein absichtliches Handeln verbunden. In der Evolutionsbiologie versteht man unter Altruismus Verhaltensweisen eines Individuums, von denen überwiegend andere Individuen im Sinne eines im Vergleich zum Altruisten relativ höheren Fortpflanzungserfolgs profitieren. Der Begriff definiert sich hier also über seine Konsequenzen hinsichtlich des relativen individuellen Fortpflanzungserfolges der Beteiligten und nicht über eine „Absicht“ (die jedoch zusätzlich vorliegen kann, vor allem beim Menschen).

Altruismus scheint auf den ersten Blick dem Darwinschen Prinzip zu widersprechen. Es besteht jedoch ein Zusammenhang zwischen so genannten egoistischen Verhaltensweisen und altruistischen Handlungen. Aus Sicht der Evolutionsbiologie kann es keinen echten Altruismus geben, da dieser sich selbst ausrotten würde, denn echte Altruisten verzichten letztendlich auf Fortpflanzungserfolg zugunsten anderer (unverwandter) Individuen.

Populäre Beispiele für vermeintlichen Altruismus finden sich z. B. bei Menschen, Schimpansen, Ameisen und Honigbienen.

Reziproker Altruismus

Reziproker Altruismus liegt vor, wenn altruistisches Verhalten auf der Basis von Gegenseitigkeit „zurückgezahlt“ wird. Vor allem von höheren Primaten einschließlich des Menschen ist dieses Phänomen des reziproken Altruismus bekannt. Ein solcher Altruismus ist jedoch kein echter, da er sich letztlich „auszahlt“.

Indirekte Reziprozität

Indirekte Reziprozität ist eine Theorie, welche die Evolution durch natürliche Selektion von altruistischem Verhalten gegenüber einem nichtverwandten Individuum erklären soll, wenn dieses Verhalten durch dasselbe Individuum nicht erwidert wird.

Gruppenselektion

Oft ergeben sich Gruppenvorteile aus diesem Handeln, woraus alle Mitglieder, etwa von staatenbildenden Insekten, langfristig wieder individuell profitieren. Das Konzept der Gruppenselektion ist jedoch umstritten.

Verwandtschaftsselektion

Die Bereitschaft zum altruistischen Handeln hängt häufig von der Verwandtschaft zum Nutznießer ab (Verwandtenselektion). Je höher der Grad der Verwandtschaft zwischen zwei Individuen ist, desto höher liegt die Bereitschaft zum altruistischen Handeln. Ein solcher Altruismus ist aber wiederum kein echter, da er sich durch die Verwandtschaft „auszahlt“; nahe Verwandte haben aufgrund ihrer identischen Vorfahren einen hohen Anteil identischer Gene.

[Bearbeiten] Sozialpsychologie

Im Zuge der Entwicklung der Psychologie zu einer empirischen Wissenschaft wurden unscharfe Begriffe wie Hilfsbereitschaft, Altruismus usw. vom leichter operationalisierbaren Begriff prosoziales Verhalten abgelöst. Allerdings erfolgt dabei die erhöhte Klarheit des Begriffs auf Kosten des Begriffsumfangs. Mit prosozialem Verhalten ist relativ eindeutiges, beobachtbares Verhalten gemeint, das für die Mitmenschen unternommen wird oder sich an deren Wohlergehen orientiert, z. B. und in erster Linie Hilfsverhalten. Hilfsbereitschaft als Einstellung oder Mitleid als Motiv zu helfen sind dabei keine Bestandteile des Begriffs des prosozialen Verhaltens mehr. Die Bezeichnung Altruismus (meist dann in dem üblichen, weiteren Sinne, mit Einbezug der Motive etc.) hat sich daneben jedoch weiter behaupten können, zum Teil werden „Altruismus“ und „prosoziales Verhalten“ auch synonym verwendet.

Zwar konnten gewisse Zusammenhänge zwischen prosozialem Verhalten und einigen Persönlichkeitseigenschaften wie Empathiefähigkeit gefunden werden, jedoch keine „altruistische Persönlichkeit“; im Gegenteil zeigte sich immer wieder der starke Einfluss situativer Merkmale.[9] In der klassischen Studie von Hartshorne und May (1929) an 10.000 Grund- und Highschool-Schülern variierte das prosoziale Verhalten von Situation zu Situation.[10]

John M. Darley und Batson (1973) legten einen scheinbar verletzten Menschen an die Straßenseite und beobachteten das Hilfsverhalten von Theologiestudenten, die zu einem Seminar gingen. Selbst wenn sie im Seminar über das Thema „Der barmherzige Samariter“ zu referieren hatten, hatte Zeitdruck einen viel größeren Einfluss auf das Hilfeverhalten. Von den Studenten, die unter Zeitdruck gesetzt wurden, halfen dem „Opfer“ nur 4%; jene die unter keinem Zeitdruck standen zu 63%.[11]

Ein weiterer Faktor ist die Stimmung, in der sich jemand gerade befindet. Isen und Levin (1972) manipulierten diese Variable, indem sie eine Münze ins Rückgabefach eines öffentlichen Telefons legten. Von denen, die eine Münze fanden, halfen 84% einem Mann, der einen Stapel Papiere verloren hatte, aber nur 4% der anderen.[12] Schuldgefühle fördern ebenfalls prosoziales Verhalten: Katholiken spenden mehr Geld vor der Beichte als danach.[13]

Ein Experiment von Amato zeigte einen Zusammenhang zwischen Altruismus und der Bevölkerungsdichte: In Kleinstädten halfen 50% der Passanten einem Verletzten, in Großstädten nur 15%.[14] Stanley Milgram erklärt diesen oft replizierten und interkulturell gültigen Befund mit der Urban-Overload-Hypothese: Ständige Reizüberflutung führt zu einem inneren Rückzug; in reizarmer Umgebung helfen Großstädter genau so oft wie Kleinstädter.[15]

Geschlechtsunterschiede - Frauen zeigen eher langfristig angelegtes prosoziales Verhalten (z.. Pflege nahestehender Personen), Männer eher einmalige „Heldentaten“ (z. B. als Feuerwehrmänner) - gehen auf geschlechtsspezifische soziale Normen zurück.[16]

Zusätzlich zu den bereits dargestellten evolutionspsychologischen Erklärungen für prosoziales Verhalten (Überleben durch Kooperation, erwandtenselektion, Reziprozitätsnorm) äußerte Herbert Simon die Überlegung, dass das Befolgen sozialer Normen, zu denen prosoziales Verhalten gehört, ebenfalls einen Selektionsvorteil habe, dass also Altruismus genetisch programmiert sei.[17]

Nach den Theorien des sozialen Austauschs, siehe als Beispiel das Kosten-Nutzen-Modell von Piliavin, sind ökonomische Überlegungen das Motiv für prosoziales Handeln: Ein Individuum zeigt Altruismus, wenn der erwartete Nutzen höher ist als der Aufwand.[18]

Relativiert wird diese Auffassung durch die Empathie-Altruismus-Hypothese des Psychologen und Theologen C. Daniel Batson (1991). Er fand, dass geringe Kosten keinen Einfluss auf das Verhalten haben, falls jemand Empathie mit der hilfebedürftigen Person empfindet. Disstress durch Mit-Leiden wird vermindert, indem das zugrundeliegende Leiden vermindert wird.[19]

Als Erklärungsalternative zum Empathie-Altruismus sind von einer Forschergruppe um Cialdini Experimente und Interpretationen zum self-other-merging (oneness) vorgestellt worden.[20] Hilfeverhalten würde höher mit kognitiver Identifikation mit dem Hilfsbedürftigen als mit emotionaler Empathie korrelieren. Mit der Identifikation wird das Selbst des Helfenden gewissermaßen ausgeweitet und umfasst den Hilfsbedürftigen mit. Cialdini will mit dieser Theorie und entsprechenden empirischen Belegen auch gegen die Empathie-Altruismus-Hypothese die Grundannahme des psychologischen Egoismus retten, denn Self-Other-Merging, Oneness, bedeutet ja, dass das Individuum, das dem anderen hilft, dabei im Grunde sich selbst hilft. Die fürsorgliche Zuwendung und Liebe der Mutter zu ihrem Neugeborenen wäre dann letztlich nicht auf das Kind als ein getrenntes Wesen gerichtet, sondern auf das Kind, das mit der Mutter eine Einheit bildet, wobei die Zuwendung zum Kind dann analog zu verstehen ist wie etwa, den eigenen knurrenden Magen zu versorgen. Allerdings sträubt sich das Phänomen der Mutterliebe gegen solche theoretische Spitzfindigkeit, es auf Egoismus zu reduzieren. Das wird das Altruismusparadox genannt. Wenn man die Phänomene des Self-Other-Merging reduktiv erklärt, ergibt die Anwendung des Begriffspaars Egoismus-Altruismus keinen Sinn mehr.[21]

Mit dem vorstehenden ist der Mainstream sozialpsychologischer Altruismusforschung gekennzeichnet, der experimentelle Methoden nach dem Vorbild der Naturwissenschaften anwendet. Die Sozialpsychologie hat eine große Fülle von Daten und Theorien hervorgebracht, welche Ursachen, Bedingungen oder Faktoren das prosoziale Verhalten beeinflussen. Einen umfassenden Überblick über die Forschung gibt die Monographie von Schroeder et al. Daneben gibt es andere Richtungen sozialpsychologischen Forschens. So ist etwa Erich Fromm, der gewichtige Beiträge zur Altruismusforschung geleistet hat, dem Paradigma der Psychoanalyse zuzuordnen.

[Bearbeiten] Soziologie und allgemeine Sozialwissenschaft

Unterscheidung zweier soziologisch relevanter Typen altruistischen Handelns

Obwohl der Begründer der modernen Soziologie als eigenständiger Disziplin, Auguste Comte, den Altruismus (ein von ihm erfundenes Wort) mit geradezu missionarischem Eifer als einen säkularen Quasi-Religionsersatz predigte[22], hat der Terminus Altruismus in der Soziologie keinen großen Widerhall gefunden. Comte predigte den moralischen Altruismus, der als Gegengewicht gegen die durch die Marktwirtschaft entfesselten egoistischen Antriebe Platz greifen müsse, um die Gesellschaft lebensfähig zu erhalten.

Soweit es um diesen moralischen Altruismus geht, spricht man in der Soziologie von moralischem Handeln, eine besondere Form des normenorientierten Handelns, das sich an den Erwartungen der Mitmenschen orientiert und das ein Hauptgegenstand der soziologischen Untersuchungen ist. Ein normenorientiertes Handeln ist jedoch nicht mit altruistischem Handeln gleichzusetzen, denn es gibt auch die Norm, egoistisch zu handeln, vornehmlich im Wirtschaftsleben.

In neuerer Zeit hat das Wort Altruismus in der Soziologie jedoch eine Wiederbelebung erfahren, und zwar durch den Einfluss der RC-Theorien. Dabei hat sich jedoch die Bedeutung des Begriffs gewandelt. Nicht mehr wie Comte versteht man darunter moralisches Handeln noch Handeln nach einer Norm, sondern Handlungen, die auf das Wohl anderer gerichtet sind, ohne dabei gesollt zu sein, also freiwilligen Charakter haben und aus Sympathie erfolgen.

Diese Unterscheidung zwischen altruistischem und moralischem Handeln geht auf den „Apfel-Test“, den der Ökonom und RC-Theoretiker Amartya K. Sen in seinem berühmten Aufsatz „Rational Fools“ zur Unterscheidung zweier, an anderen Menschen orientierten Typen des Handelns (other-regard) durchzuführen vorgeschlagen hat, zurück: Ego hat zwei Äpfel in der Hand: Einen großen und einen kleinen. Er bietet Alter an, einen der Äpfel zu wählen. Nimmt jetzt Alter den großen Apfel und empört sich Ego darüber („Das tut man nicht“), so wurde eine Norm verletzt. Alter hat die Norm missachtet, indem er den großen Apfel nahm, und wird von Ego dafür mit einer beleidigten Miene abgestraft. Wenn jedoch Ego den großen Apfel freudig hingibt und gerne sich mit dem kleinen zufrieden gibt, dann handelt es sich um eine Handlung, die aus sympathischem Altruismus erfolgt ist.

Jedoch hat die Zuordnung des Wortes Altruismus zu diesem freiwilligen, meist aus Sympathie erfolgenden Handeln, in Abgrenzung zum moralischen Handeln, keine allgemeine Zustimmung gefunden, indem einige Wissenschaftler den Terminus Altruismus, wie Comte das vorgesehen hatte, auf moralisches Handeln allein angewendet wissen wollen. Die Unterscheidung zwischen diesen beiden Typen des Handelns ist jedoch unumstritten und hat allgemeinen Beifall gefunden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass es immer leicht wäre, ein gegebenes Handeln, das um anderer Willen geschieht, einem der Typen zuzuordnen. Comte meinte mit seinem Altruismus Menschenliebe. Liebe ist jedoch eher dem Sympathiealtruismus zuzuordnen. Entscheidend für den normativen Charakter bleibt, dass Liebe oder Altruismus gefordert wird. Es wird z. B. einem Menschen vorgeworfen, dass er lieblos sei. Soweit positive Gefühle, die doch eigentlich nicht erzwungen werden können, und ihr Ausdruck im Handeln, erwartet werden, und solchen Erwartungen entsprochen wird, ist die Zuordnung zum normativen oder moralischen Altruismus naheliegend. Über diese Widersprüchlichkeit hinaus, etwas zu erwarten, was aufgrund seines Charakters eigentlich nur freiwillig oder aus authentischen Gefühlen erfolgen kann, besteht das Problem, dass normative Erwartungen häufig durch Erziehung und Sozialisation internalisiert sind. Man glaubt, man handele nach eigenem Gutdünken oder gäbe seinen edlen Empfindungen nach, während man in Wirklichkeit nur den Erwartungen der Mitmenschen Folge leistet. Welcher Typus dann tatsächlich vorliegt, ist dann sehr schwierig festzustellen.

Trotz solcher typologischen Schwierigkeit ist die Unterscheidung hochbedeutsam, denn aus ihr ergeben sich je ganz unterschiedliche Folgerungen, wenn politische oder sozialreformerische Maßnahmen auf die Verbesserung der Lebensverhältnisse zielen. So glauben etwa die amerikanischen Kommunitaristen nicht daran, dass die Kultur des modernen Individualismus genügend freiwilligen Sympathiealtruismus hervorbringen könne, um die Abschwächung der normativen Kraft gesellschaftlicher Sitten zu kompensieren. So wird z. B. die liberale Einstellung zur Ehescheidung als ein Fehler angesehen. Es müsse durch die Gesellschaft mehr Druck ausgeübt werden, um es den Menschen zu erleichtern, ihren Verpflichtungen gegenüber der Gemeinschaft gerecht werden zu können. (Unter ethischem Geschichtspunkt gibt es das Problem, dass Sympathiealtruismus oft parteilich oder unerwünscht partikular ist. Kant hatte sich dagegen verwahrt, dass Handlungen aus Neigung ethischen Wert haben könnten. Siehe dazu den Abschnitt „Philosophische Ethik, Moral- und Sozialphilosophie“).

Die Unterscheidung des Handelns, das durch Normbefolgung motiviert ist, nach dem Verinnerlichungsgrad der Normen ist nicht zu verwechseln mit der Unterscheidung zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass diese beiden Typen nicht die einzigen sind, weder in der Soziologie noch im Alltagsverständnis, und es gibt auch Mischtypen. Ein solcher Mischtypus ist z. B. der Kavalier.

Die zwei Forschungsrichtungen der Soziologie

Für die Soziologie ist Altruismus, altruistisches Verhalten oder Handeln entweder das zu erklärende Phänomen, wobei dann irgendeine soziale oder gesellschaftliche Bedingtheit dieses Handelns aufgesucht wird (soziologische Erklärung individuellen Verhaltens oder Handelns, oder sogar Erklärung bestimmter Aspekte der Individualität, der Persönlichkeit des einzelnen (soziale Bedingtheit der Identität)) (z. B. „produziert Kapitalismus Egoisten?“) – oder aber, Altruismus als gegebenes Phänomen (meist typologisch in einem Modell vereinfacht) dient dazu, gesellschaftliche Phänomene, wie Stabilität einer Ordnung, oder sozialer Wandel, wie z. B. Entstehung, Aufrechterhaltung oder Auflösung generalisierten Tausches, zu erklären. Im Folgenden werden einige prominente Forschungsfelder der Soziologie oder allgemeiner der Sozialwissenschaften vorgestellt.

Judenrettung zur Zeit des NS-Regimes

Der amerikanische Soziologe Samuel P. Oliner, der selbst als jüdisches Kind vor den Nationalsozialisten von Polen versteckt und dadurch gerettet worden ist, war durch diese Erfahrung so beeindruckt, dass er sein Lebenswerk der Erforschung dieser besonderen Art von Altruismus, die sich bei Judenrettern gezeigt hat, gewidmet hat.[23] Oliner spricht von heroischem oder Courage-Altruismus. Die Menschen, die solchen Altruismus zeigen, werden im englischen Sprachraum auch als „moral exemplars“ bezeichnet. Neben den Arbeiten Oliners und anderen sind auch die Forschungen der Politikwissenschaftlerin Kristen Renwick Monroe bekannt geworden.[24] Monroe weist Erklärungsversuche, auch bei solchen Rettungsaktionen habe eine nutzenmaximierende Wahlhandlung stattgefunden[25] zurück und präferiert eine Theorie, die solche Rettungstätigkeiten als Resultat von sozialer Identität (Verbundenheit, Bezogenheit), moralischer Integrität und Identifikation mit den Opfern (Perspektivenübernahme) ansieht. Der heroische oder Courage-Altruismus, wie ihn Retter z. B. während des Holocaust gezeigt haben, hat eine besondere Ausprägung: Um anderen Menschen zu helfen, wird in manchen Fällen nicht nur das eigene Leben aufs Spiel gesetzt, sondern auch das Leben der eigenen Familien und von Freunden, ohne zuvor um deren Einverständnis nachzusuchen.

[Bearbeiten] Christliche Theologie und Religionswissenschaft

Der Begriff Altruismus ist in der christlichen Bibel nicht vorhanden. Doch es finden sich Formen, die einer Regel oder einer Gesetzgebung von einem „für einander“ – einem Altruismus entsprechen. Im Christentum im Philipper Brief Kapitel 2 NT wird darauf hingewiesen, dass eine „altruistische“ Form als Grundlage der Liebe eine Grundlage eines Füreinanders bietet: „Durch Demut achte einer den andern höher denn sich selbst, und ein jeglicher sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was des andern ist.“ andere Übersetzung: „jeder schaue nicht nur auf das Seine, sondern sorge auch für den anderen“.

Im Gegensatz zur soziologischen Sichtweise des Altruismus ist im Bereich der Religion speziell im Christentum dies als umfassende Form der Liebe gekennzeichnet. Das bedarf als solcher keiner normativen Zerlegungen: Es ist eine komplexe Wesensbildung eines Menschen im Bereich der Liebe, wie auch eben dieses „Füreinanders“ – eine Grundlage eines nach christlichen Glaubensvorstellungen agierenden Menschen. Der Bereich des selbstlosen, unegoistischen Handelns wird durch folgende Aussagen beschnitten, dass die linke Hand nicht wissen solle, was die rechte tut. Welches im Kontext steht, dass man eine versteckte, nicht offene Handlung in seinen nächstenliebenden Aktivitäten unternimmt – und dass man „seinen Lohn von Gott empfängt“ – was eine egoistische Handlung zum Eigenzweck des zu einem anderen hin Tätigwerden als solches ausschließt. Da weder ein Lob noch ein Lohn von einer Person als solcher erwartet werden solle. Auch ist der Satz, dass man sich Schätze im Himmel sammeln soll, als solches Paradebeispiel anzuführen. (Lk 6/35; Mt 6/2; Mt 5/46; Mt 6/1; Kol 3/24)

Vielen von der katholischen Kirche verehrten Heiligen könnte man ein durch und durch altruistisches Verhalten zuschreiben, da sie, in ihrem Dienst für den anderen, eine anscheinend erfüllende Lebensaufgabe gefunden hatten, die teilweise bis zur Selbstaufopferung ging. In moderneren Anschauungen wird diese Selbstaufopferung für den anderen sehr stark angezweifelt, weil sie nicht dem Sinne eines „freien Lebens“ des demokratisch denkenden Menschen zugeordnet werden kann.

[Bearbeiten] Quellen, Anmerkungen

  1. 1,0 1,1 Manuela Lenzen: Evolutionstheorien in den Natur- und Sozialwissenschaften. Campus Verlag, 2003, ISBN 3593372061 (Google Books).
  2. Guillermo P. Murphy, Susan A. Dudley: Kin recognition: Competition and cooperation in Impatiens (Balsaminaceae). American Journal of Botany, Band 96, 2009, S. 1990–1996, Volltext, DOI:10.3732/ajb.0900006
    scinexx.de vom 16. November 2009: Auch Pflanzen sind altruistisch. Springkraut erkennt Verwandte und verändert daraufhin ihre normalerweise ausgeprägte Konkurrenzreaktion.
  3. Henry H. Lee, Michael N. Molla, Charles R. Cantor und James J. Collins Bacterial charity work leads to population-wide resistance Nature, Vol. 467, S. 82–85 (2. September 2010; doi:10.1038/nature09354)
  4. Georg Simmel: Einleitung in die Moralwissenschaft, 1892. Bd. 1, 2. Kap.: Egoismus und Altruismus, S. 131
  5. Christoph Lumer: Rationaler Altruismus. Eine prudentielle Theorie der Rationalität und des Altruismus. Universitätsverlag Rasch, Osnabrück 2000
  6. Howard Margolis: Selfishness, Altruism, and Rationality. A Theory of Social Choice. Chicago and London 1982
  7. Einen Versuch, die Herkunft solcher altruistischen Präferenzen aufzuklären, macht der RC-Theoretiker David Schmidtz, allerdings mit einer sehr weiten RC-Version, der fast schon der Übergang in ein anderes Paradigma droht. David Schmidtz: Reasons for Altruism, in Paul, Miller, Paul (eds.)[s. Lit.-Verz.], S. 52–68.
  8. z. B. Dieter Rucht, 2001: Zu den Grenzen von Theorien rationaler Wahl – dargestellt am Beispiel altruistischen Engagements. In: Gute Gesellschaft? Verhandlungen des 30. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Köln 2000, hrsg. von Jutta Allmendinger, Opladen 2001, S. 962–983, mit entrüstetem Unterton
  9. Mikulincer & Shaver (2005). Attachment security, compassion, and altruism. Current Directions in Psychological Science, 14, S. 34-38
  10. Studies in the nature of character: Vol. 2 Studies in service and self-control. New York: Macmillan
  11. Darley & Batson (1973). From Jerusalem to Jericho: A study of situational and dispositional variables in helping behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 27, S. 100–108
  12. Isen & Levin (1972). Effect of feeling good on helping: Cookies and kindness. Journal of Personality and Social Psychology, 21, S. 384–388
  13. Harris, Benson & Hall (1975). The effect of confession on altruism. Journal of Social Psychology, 96, S. 187-192
  14. P. R. Amato (1983). Helping behavior in urban and rural environments: Field studies based on taxonomic organization of helping episodes. Journal of Personality and Social Psychology, 45, S. 571–586
  15. N. M. Steblay (1987). Helping behavior in rural and urban environments: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 102, S. 346-356
  16. A. H. Eagly (1987). Sex differences in social behavior: A social-role interpretation. Hillsdale, NJ: Erlbaum
  17. M. L. Hoffman (1981). Is altruism a part of human nature?. Journal of Personality and Social Psychology, 40, S. 121–137
  18. Lawler & Thye (1999). Bringing emotions into social exchange theory. Annual Review of Sociology, 25, S. 217-244
  19. C. D. Batson (1991). The altruism question: Towards a socialpsychological answer. Hillsdale, NJ: Erlbaum
  20. R. B. Cialdini et al. (1997). Reinterpreting the empathy-altruism relationship: When one into one equals oneness. Journal of Personality and Social Psychology, 73, S. 481–494
  21. Entsprechend gibt es Auffassungen, die darauf verzichten, Egoismus und Altruismus als reale Eigenschaften des Verhaltens oder der handelnden Person aufzufassen (oder diese Frage offen lassen), sondern davon ausgehen, dass solches Verhalten von Beobachtern (auch Selbstbeobachtung) zugeschrieben, „attribuiert“ wird. Für die soziale Relevanz des „altruistischen Charakters“ von Verhalten kommt es denn auch häufig darauf an, dass dieses als ein solches wahrgenommen und anerkannt wird. Ein Verhalten oder Charakter „gilt“ dann als egoistisch, altruistisch, oder als eine Mischung aus beidem.
  22. Comtes Schriften sind bis heute nicht ins Deutsche übersetzt. Äußerungen zum Altruismus finden sich besonders in Système de politique positive, Paris, 4 Bde, 1851–1854 und im Catéchisme, zuerst Paris 1852. Eine Einführung in Comte bietet Werner Fuchs-Heinritz: Auguste Comte, Opladen 1998, Westdeutscher Verlag. Abgesehen von der Wortgebung ist der Beitrag Comtes zum Altruismusdiskurs allerdings nicht von großer Bedeutung.
  23. Siehe z. B. Samuel P. Oliner: Do Unto Others. Extraordinary Acts of Ordinary People, Boulder (Colorado), 2003
  24. Siehe z. B. Kristen Renwick Monroe, Kay Mathiesen, Jack Craypo: If Moral Action Flows Naturally from Identity and Perspective. Is It Meaningful to Speak of Moral Choice? Virtue Ethics and Rescuers of Jews during the Holocaust. In: Altruismus und Supererogation, 1999, Jahrbuch für Recht und Ethik, Bd. 6, 1999 [siehe Lit.Verz.] S. 231–249.
  25. Dagegen: Karl-Dieter Opp: 1997, Can Identity Theory Better Explain the Rescue of Jews in Nazi Europe than Rational Actor Theory? in: Research in Social Movements, Conflicts and Change, 223–253. (Erklärung mittels einer weiten RC-Version sei möglich, vgl. auch FN 1)

[Bearbeiten] Literatur

[Bearbeiten] Sozialwissenschaft/Philosophie allgemein oder interdisziplinär

  • Heinz Harbach: Altruismus und Moral. Westdeutscher Verlag, Opladen 1992, ISBN 3-531-12272-X [Untersucht, wie die Sozialwissenschaften die Herausforderungen des Altruismusparadox (Anerkennung des Phänomens Altruismus, das aber im Widerspruch zu den theoretischen Grundannahmen einer Theorie oder auch der impliziten Voraussetzung des psychologischen Egoismus steht) bewältigen. Beinhaltet auch eine eindrucksvolle Reihe von Zitaten von Definitionsversuchen.]
  • Morton Hunt: Das Rätsel der Nächstenliebe. Der Mensch zwischen Egoismus und Altruismus. Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 1992, ISBN 3-593-34621-4 [zum Einstieg ins Thema geeignet]
  • Ellen Frankel Paul/Fred D. Miller Jr./Jeffery Paul (Hgg.): Altruism. Cambridge University Press, Cambridge 1993, ISBN 0-521-44759-3 [Aufsätze von Philosophen und Ökonomen über Altruismus]
  • Jonathan Seglow (Hg.): The Ethics of Altruism. Frank Cass Publishers, Portland 2004, ISBN 0-7146-5594-5 [Aufsätze von Politikwissenschaftlern und Philosophen über Altruismus]
  • Ernst Fehr/Urs Fischbacher: The nature of human altruism. In: Nature. 425, 2003, S. 785–791 [Review-Artikel über den Forschungsstand zum Altruismus (Evolutionstheorie und Spieltheorie)]
  • Analyse und Kritik. Zeitschrift für Sozialtheorie, Bd. 27, H. 1, 2005, ISSN 0171-5860 [Diskussion der Forschungsresultate Ernst Fehrs und Mitarbeiter, insbesondere die Interpretation „altruistischen Bestrafens“ (altruistic punishment) in spieltheoretischen Experimenten als „echten“ Altruismus]
  • B. Sharon Byrd (Hg.): Themenschwerpunkt: Altruismus und Supererogation = Altruism and supererogation. Duncker und Humblot, Berlin 1999 (Jahrbuch für Recht und Ethik, Bd. 6) ISBN 3-428-09770-X [Aufsätze von Philosophen und Wissenschaftlern über Altruismus]
  • Stephen G. Post u.a. (Hgg.): Research on Altruism & Love. An Annotated Bibliography of Major Studies in Psychologie, Sociology, Evolutionary Biology & Theology. Templeton Foundation Press, Philadelphia 2003, ISBN 1-932031-32-4
  • Thomas Leon Heck (Hg.): Das Prinzip Egoismus. Noûs Verlag, Tübingen 1994, ISBN 3-924249-12-1 [Zahlreiche kleinere Aufsätze zum „Egoismus-Prinzip“, darunter auch die Vorstellung der Auffassungen abendländischer Geistesgrößen von Platon bis heute, zusammengestellt von einem wohlwollenden Zyniker]
  • Pearl M. Oliner u.a. (Hgg.): Embracing the other. Philosophical, Psychological, and Historical Perspectives on Altruism. New York University Press, New York 1992, ISBN 0-8147-6175-5 [20 Aufsätze aus Philosophie und Wissenschaft über Altruismus]

[Bearbeiten] Philosophie

  • Christoph Lumer: Rationaler Altruismus. Eine prudentielle Theorie der Rationalität und des Altruismus. Universitätsverlag Rasch, Osnabrück 2000, ISBN 3-934005-55-1 [schwierig und lesenswert, siehe dazu oben im Text]
  • Christoph Lumer: Altruismus/Egoismus. In: Jordan/Nimtz (Hrsg.): Lexikon Philosophie: hundert Grundbegriffe. Stuttgart, Reclam 2009, S. 21 - 23 [einfach]
  • Thomas Nagel: Die Möglichkeit des Altruismus. Philo Verlagsgesellschaft, Berlin 2005, ISBN 3-8257-0066-6
  • Thomas Nagel: Der Blick von Nirgendwo. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-518-58116-3 [hier revidiert Nagel teilweise Auffassungen, die er in dem Buch Die Möglichkeit des Altruismus vertreten hat. Die Untersuchungen Nagels dienen vielen Philosophen als Diskussionsgrundlage.]
  • Donald L. M. Baxter: Altruism, Grief, and Identity. In: Philosophy and Phenomenological Research. Jg. 70, H. 2, 2005, S. 371–383

[Bearbeiten] Spieltheorie und RC-Theorie

  • Howard Margolis: Selfishness, Altruism, and Rationality. A Theory of Social Choice. University of Chicago Press, Chicago 1982, ISBN 0-226-50524-3 (siehe dazu oben im Text)
  • Nobuyuki Takahashi: The Emergence of Generalized Exchange. In: American Journal of Sociology. Jg. 105, H. 4, 2000, S. 1105–1134 [ein Versuch, die Entstehung generalisierten Tausches bei methodologischer Voraussetzung rationaler Egoisten (die allerdings jeweils nach einer subjektiven Fairnessnorm handeln) verständlich zu machen]
  • Amartya K. Sen: Rational Fools. A Critique of the Behavioral Foundations of Economic Theory. In: Jane J. Mansbridge (Hgn.): Beyond Self-Interest. [1978], Chicago und London, ²1990
  • Stefano Zamagni (Hg.): The Economics of Altruism. Edward Elgar Publishing, Brookfield 1995 (The International Library of Critical Writings in Economics; Jg. 48), ISBN 1-85278-953-0

[Bearbeiten] Sozialpsychologie, Psychologie

  • E. Aronson, T. D. Wilson, R. M. Akert: Sozialpsychologie. Pearson Studium. 6. Auflage 2008. ISBN 978-3-8273-7359-5. Kapitel 11: Prosoziales Verhalten: Warum Menschen helfen
  • C. Daniel Batson: The altruism question. Toward a social-psychological answer. Erlbaum, Hillsdale NJ 1991, ISBN 0-8058-0245-2 [Historischer Überblick zum Thema Altruismus, Darstellung der Empathie-Altruismus-Hypothese, Forschungsergebnisse zur Stützung der Hypothese]
  • C. Daniel Batson: Self-Other Merging and the Empathy-Altruism Hypothesis – Reply to Neuberg et al. In: Journal of Personality and Social Psychology. Vol. 73, No. 3, 1997, S. 517–522
  • Hans Werner Bierhoff/Leo Montada (Hgg.): Altruismus. Bedingungen der Hilfsbereitschaft. Verlag für Psychologie Hogrefe, Göttingen/Toronto/Zürich 1988, ISBN 3-8017-0253-7
  • Hans Werner Bierhoff: Prosoziales Verhalten. In: Wolfgang Stroebe (Hg.): Sozialpsychologie. Eine Einführung. 4. Auflage. Springer, Berlin 2002, S. 319–354, ISBN 3-540-42063-0
  • Erich Fromm: Die Kunst des Liebens. 61. Auflage. Ullstein, Berlin 2005, ISBN 3-548-36784-4
  • J. K. Maner u.a.: The Effects of Perspective Taking on Motivations for Helping – Still No Evidence for Altruism. In: Personality and Social Psychology Bulletin. Jg. 28, H. 11, 2002, S. 1601–1610 [Maner u.a. verstehen Self-Other-Merging (Perspective Taking) als aus dem psychologischen Egoismus folgend, und glauben deshalb, Batsons Empathie-Altruismus-Hypothese (Altruismus aus Empathie als „wahrer“ Altruismus) widerlegt zu haben.]
  • Steven L. Neuberg u.a.: Does Empathy lead to Anything More Than Superficial Helping? Comment on Batson et al.. In: Journal of Personality and Social Psychology. Jg. 73, H. 3, 1997, S. 510–516
  • David A. Schroeder u.a.: The psychology of helping and altruism. McGraw-Hill, New York 1995, ISBN 0-07-055611-3 [Zum Thema Altruismus und Self-Other-Merging vgl. auch den Artikel von Baxter (Lit. Angabe unter Philosophie)]

[Bearbeiten] Evolutionsbiologie

  • Robert Axelrod: Die Evolution der Kooperation. 2005, München: Oldenbourg.
  • E. Fehr/U. Fischbacher: The nature of human altruism. Nature, 2003. H. 425, S. 785-791.
  • Pjotr Alexejewitsch Kropotkin: Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt. Ullstein, Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1976, ISBN 3-548-03225-7
  • Matt Ridley: Die Biologie der Tugend. Warum es sich lohnt, gut zu sein. Ullstein, Berlin 1997, ISBN 3-550-06953-7
  • Robert Trivers: The evolution of reciprocal altruism. Quarterly Review of Biology, Jg. 46, 1971, S. 189-226.
  • Robert Trivers: Social Evolution. Menlo Park, Ca.: Benjamin/Cummings, 1985
  • Eckart Voland: Die Natur des Menschen. Grundkurs Soziobiologie. 2007, München: Beck.



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